Awattar flexibler Stromtarif

Variabler Stromtarif mit Smarthome-Connection

27.03.2019

Billigen Strom nutzen, wenn Wind und Sonne viel Energie liefern – der Energieanbieter Awattar macht das jetzt möglich und startet den ersten variablen Stromtarif in Deutschland. Flexible Verbraucher wie E-Autos oder Wärmepumpen können damit Stromkosten sparen.

Mit dem neuen Stromtarif von dem österreichischen Stromanbieter Awattar sollen Privathaushalte direkt von der Energiewende profitieren. An der zentralen Strombörse in Leipzig schwankt der Preis für frisch erzeugten Strom längst heftig: Bei Windstille und schlechtem Wetter steigt er mangels verfügbarem Photovoltaik- und Windstrom. Bei strahlendem Sonnenschein und steifer Brise im ganzen Land sinkt er bis dagegen bis auf negative Preise. Das bedeutet, dass Verbraucher dann sogar ein paar Cent pro verbrauchter Kilowattstunde elektrischer Energie kassieren. Die Preise werden jeden Tag um 14 Uhr für den Folgetag festgelegt. Grundlage dafür sind Wetter-, Erzeugungs- und Bedarfsprognosen. 

Der neue Tarif „Hourly“ vom österreichischen Energie-Startup Awattar bildet diesen zentralen Strompreis für Jedermann ab. Das Energie-Startup liefert seinen Kunden Strom zu exakt den Bedingungen der Leipziger Strombörse und veröffentlicht deren Preise täglich ab 14 Uhr für den kommenden Tag auf seiner Webseite. Außerdem stellt Awattar die Tarifdaten über eine definierte Programmierschnittstelle zu Verfügung, über die vernetzte Hausgeräte, Wärmepumpen oder Elektroauto-Ladestationen sowie Smarthome-Systeme den Verbrauch im Haus auf möglichst günstige Zeiträume einstellen können. Solche Schnittstellen gibt es bereits für das Smarthome-System von Loxone sowie für Elektroauto-Ladesäulen des Anbieters „Go-E“. Außerdem bietet Awattar eine Programmierschnittstelle (API), mit der Entwickler die Tarifdaten abfragen und in die Steuerung eigener Systeme integrieren können. 

Negativer Strompreis, hohe Fix-Gebühren

Laut Tarifdatenblatt kann im Hourly-Tarif von Awattar der Preis pro Kilowattstunde Strom für den Kunden tatsächlich zwischen minus 20 und plus 20 Cent schwanken. Allerdings entspricht dieser Preis nicht den tatsächlichen Kosten für den Kunden. Der reale Strompreis errechnet sich in jedem Tarif aus einer monatlichen Grundgebühr plus festen oder verbrauchsabhängigen Netzentgelten, Umlagen (etwa die EEG-Umlage) sowie die Kosten für die intelligente Messeinrichtung. Diese Fix-Gebühren schwanken je nach Ort und lokalem Netzbetreiber. Sie sind heute in jeder Stromrechnung aufgeführt.

Awattar führt die Fixkosten auf seiner Webseite auf. Beispiel: In Stuttgart werden eine feste monatliche Gebühr von 10,02 Euro sowie 21,12 Cent Basispreis pro Kilowattstunde fällig. In München beträgt die Monatsgebühr 14,20 Euro plus 19,65 pro Kilowattstunde. Zu diesem Preis addieren sich der stündlich angepasste, variable Preis von der Strombörse sowie eine Ökostromzulage von 0,25 Cent pro Kilowattstunde. Beispiel für Stuttgart: Aus einem negativen Strombörsen-Preis von minus 2,5 Cent pro Kilowattstunde werden reale 18,87 Cent, aus plus 6 Cent werden 27,37 Cent.

Digitaler Zähler erfasst ständig den Verbrauch

Awattar erfasst den Stromverbrauch über einen vernetzten digitalen Stromzähler – eine so genannten „Intelligente Messeinrichtung“. Der Zähler kommt von der Firma Discovergy und ersetzt den klassischen, analogen Stromzähler. Der Discovergy Zähler übermittelt den Stromverbrauch minutengenau an den Stromanbieter und bietet auch dem Kunden einen exakten Überblick über seinen Stromverbrauch. Discovergy hat dafür ein eigenes Portal, das sogar einzelne Stromverbraucher anhand ihrer Lastprofile erkennen und darstellen kann.

Discovergy Menü Verbrauch
Das Verbrauchs- und Erzeugungsmonitorin des Discovergy Zählers. (Foto: Discovergy)

Den Verbrauch des Haushalts rechnet Awattar dann mit dem jeweils gültigen Strompreis zum Verbrauchszeitpunkt ab. So flattert jeden Monat eine exakte Abrechnung ins Haus. Die Zeiten der Abschlagszahlungen und überraschend hoher oder niederer Jahresabrechnungen sind so ebenfalls passé, verspricht Awattar. Eine exakte monatliche Abrechnung und ein online Energiemonitoring über den vernetzten Discovergy Zähler bietet übrigens auch der Stromanbieter „Fresh Energy“ - allerdings derzeit ohne flexible Tarife.

Was spart der variable Strompreis in der Praxis ein? 

Zunächst einmal bietet der zeitabhängige Tarif von Awattar Transparenz. Nutzer lernen, wo und wann sie viel Strom verbrauchen und wo ihre heimlichen Energieschlucker lauern. Solche Erkenntnisse bergen erfahrungsgemäß ein großes Sparpotential - das konnte die Redaktion schon mit einfacheren Strom-Monitoren wie etwa Smappee erfolgreich erproben

Wer sich mit den Day-Ahead Preisen – so der Fachbegriff – beschäftigt, der kann auch den einen oder anderen Euro sparen, indem er Waschmaschine, Trockner, Geschirrspüler oder Wasserboiler zu teuren Zeiten aus lässt und dafür nachts, mittags bei viel Sonne oder an windigen Sonntagen arbeiten lässt.

Awattar flexibler Strompreis
Der Strompreis variiert vor allem mit der Verfügbarkeit von Wind- und Sonnenstrom. Die Grafik zeigt die Erzeugungsprognosen dafür blau und orange in Gigawattstunden. Hier sinkt er beispielsweise mit zunehmendem Wind am Abend des 24.03.2019. (Grafik: Awattar-Webseite)

Im Alltag sind die finanziellen Einsparungen dabei aber eher überschaubar: Die regional unterschiedlichen Fixkosten von rund 19 bis 22 Cent pro Kilowattstunde sind weitaus höher als die variablen Preise. Diese lagen in einer Betrachtung im März 2019 minimal bei minus 2,02 Cent am windigen und sonnigen Sonntag, den 17. März nachmittags ab 15 Uhr und maximal bei plus 6,07 Cent am nahezu windstillen Dienstag, 19. März zwischen 19 und 20 Uhr abends. Immerhin: Selbst bei diesem Monats-Peak lag der reale Strompreis des Anbieters mit etwas über 28 Cent pro Kilowattstunde im normalen Rahmen vergleichbarer Ökostromtarife. Selbst ohne jede Regelung des Verbrauchs dürfte Awattar also für die meisten Haushalte eine Ersparnis bieten. 

Negative Strompreise Awattar
Allzu häufig sind negative Strompreise an der Leipziger Strombörse nicht. Am Sonntag, 17.03.2019 war es aber so sonnig und windig, dass pro Kilowattstunde Verbrauch am Nachmittag bis zu zwei Cent bezahlt wurden. (Grafik: Awattar-Webseite).

Großverbraucher mit Speicherkapazität können viel sparen

Wirklich spannend wird der Tarif für flexible Großverbraucher mit eingebautem Speicher, also etwa Elektroautos, Wärmepumpen oder große elektrische Warmwasserboiler. Wer solche Geräte per Zeitschaltung oder über einen Energiemanager ansteuert, der kann einiges sparen. Beim Vollladen eines Audi etron etwa fallen rund 8 Cent Preisunterschied zwischen dem günstigsten und dem teuersten Zeitpunkt im März merklich ins Gewicht: Bei rund 90 Kilowattstunden für eine Batterieladung ließen sich so gut sieben Euro einsparen – rein theoretisch natürlich, denn es geht um den maximalen Unterschied in einem gesamten Monat. Gerade erst haben Audi und Hager einen Energiemanager vorgestellt, der die Ladung des E-Autos managen kann – hier wäre er prima einsetzbar.

Manche Effekte der Preisfindung wiederholen sich indes immer wieder: Meist ist der Strom am frühen Nachmittag, nach Mitternacht und sonntags tagsüber deutlich günstiger als an Wochentagen morgens und am frühen Abend. Im Sommer dürfte der Effekt der Photovoltaik-Überproduktion tagsüber für noch günstigeren Strom sorgen. Optimal ist aber natürlich eine direkte Verbindung zwischen der Tarif-Vorschau und einer Steuerung, die den Bedarf der verschiedenen Geräte und Speicher mit der Tariftabelle abgleicht. Hier will Awattar nach eigenen Aussagen in nächster Zeit noch weitere Geräteanbindungen präsentieren. Energiemanager dafür gibt es ja bereits, etwa in Haushalten mit Photovoltaik-Eigenproduktion. Solche Geräte sollten sich dann auch mit den variablen Tarifen verbinden lassen. 

Systeme

Digital-Zähler oder Smart Meter?

Der aktuelle Discovergy-Zähler ist kein „Smart Meter“, „Smart Meter Gateway“ oder „Intelligentes Messe-System“, wie sie derzeit eingeführt werden sollen, aber teilweise noch in einer aufwendigen Zertifizierungsprozedur stecken. Der Discovergy-Zähler erfasst den Verbrauch digital und übermittelt ihn über eine herkömmliche Internetverbindung verschlüsselt an den Messstellenbetreiber.

Der digitale Zähler erfüllt dabei nicht die besonders strengen Sicherheits- und Zertifizierungsrichtlinien, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) für die flächendeckende und verpflichtende Einführung der Smart Meter Gateways vorgegeben hat. Die jetzt installierten Zähler können aber mindestens für die nächsten acht Jahre betrieben werden. Und auch später muss man sie nur dann austauschen lassen, wenn der jeweilige Haushalt einen der neuen Smart Meter einbauen muss. Das wiederum betrifft zumindest vorerst nur Haushalte mit einem Verbrauch über 6000 kWh im Jahr oder mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach, die mehr als sieben Kilowatt Spitzenleistung liefert. 

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